Leben in der Natur

Europäische Eichhörnchen sind weit über die Wald- und Steppenzone Eurasiens  bis in Gebirgshöhen von ca.

2000 m verbreitet. Auf den Mittelmeerinseln sind sie nicht vertreten und in Großbritannien stehen sie kurz vor dem Aussterben (siehe hierzu Thema „Grauhörnchen“).

 

Um eine ausreichende Nahrungsvielfalt vorzufinden sind Eichhörnchen auf eine ausgewogene Zusammensetzung des Baumbestandes (Mischwald) bezüglich Alter und Art der Bäume angewiesen. Da manche Baumarten erst nach vielen Jahren die für Eichhörnchen wichtigen Samen produzieren, sind alte Baumbestände für den Lebensraum dieser Tiere von entsprechend großer Bedeutung. In aufgeforsteten Monokulturen finden sie, wie viele andere Tiere auch, verständlicherweise keinen geeigneten Lebensraum.

 

Darüber hinaus hat sich vielerorts das Eichhörnchen zum Kulturfolger entwickelt und ist immer häufiger in städtischen Gärten und Parkanlagen zu finden. Hier treffen sie meist auf ausgezeichnete Lebensbedingungen, die in den Wäldern infolge des zunehmenden Einflusses des Menschen oft nicht mehr gegeben sind. So nahm in den letzten Jahrzehnten die Zahl der Eichhörnchen in den Wäldern ab, in den Städten hingegen deutlich zu.

 

Eichhörnchen sind Einzelgänger und leben in Revieren, die mehr oder weniger streng verteidigt werden. Die Revier- größe variiert dabei zwischen 2 und 5 ha und richtet sich nach dem jeweiligen Nahrungsangebot, d.h. je weniger Nahrung vorhanden, desto größer das Revier. Bei reichlichem Nahrungsangebot dulden sich auch mehrere Tiere auf engerem Raum, was vor allem in städtischen Grünanlagen häufig zu beobachten ist.

 

Der Speiseplan der Eichhörnchen ist lang und variiert jenach jahreszeitlichem Angebot. Im Frühjahr bevorzugen sie Knos- pen, Zweige und junge Triebe. Im Sommer und Herbst die Sämereien und Früchte der Laub- und Tannenbäume, wie z. B. Bucheckern, Haselnüsse, Walnüsse, Hainbuchensamen oder Tannen- und Kiefernzapfen. Aber auch Pilze, Beeren und andere Obstsorten sowie Insekten, Larven und Schnecken  sind auf ihrem Speiseplan zu finden. Charakteristisch für Eichhörnchen ist zudem das Anlegen von Vorräten, wobei die Nahrung in der Regel in der Erde vergraben wird.

 

Die Nester der Eichhörnchen, Kobel genannt, werden eng am Hauptstamm eines Baumes, in Astgabeln oder abgehenden Ästen gebaut. Das Grundgerüst besteht aus Zweigen, die in der Umgebung gesammelt oder vom Baum abgenagt werden. Der Innenraum wird mit Gras, Moos, Bast, Federn und anderen weichen Materialien ausgekleidet. Der Kobel hat einen Umfang von etwa 30 - 50 cm und einen Innendurchmesser von ca. 15 -  20 cm. Er ist nach außen wasserdicht und durch die dicke Wand im Winter gut isoliert.

 

Um bei Gefahr schnell fliehen zu können, besitzen Kobel mindestens zwei Schlupflöcher, von denen eines immer nach unten in Richtung des Hauptstammes weist. Der Nest- bau selbst dauert etwa 3 - 5 Tage, wobei stets ein Haupt- nest und mehrere Nebennester, die in ihrer Ausstattung weniger umfangreich ausfallen, angelegt werden. Kommt es in einem Kobel zu Parasitenbefall, wird dieser verlassen und ein neuer bezogen. Teilweise verwenden Eichhörnchen auch alte Vogelnester als Grundgerüst oder nutzen verlas- sene Baumhöhlen. In der Nähe des Menschen kann es zudem durchaus vorkommen, dass sie Dachvorsprünge, Balkone oder Rolladenkästen als neues Zuhause wählen, was wiederum zu diversen Problemen im Zusammenleben mit dem Menschen führen kann.

 

Die Paarungszeit der Eichhörnchen beginnt Ende Januar und endet im Spätsommer. Dabei durchstreifen die Männchen, die in dieser Zeit sehr angriffslustig sind und Gegner geradezu herausfordern, die Reviere der Weibchen.

 

Das Vorspiel der Eichhörnchen zeigt sich als atemberau- bende Verfolgungsjagd, bei der es, sollte das Weibchen noch nicht bereit sein, gelegentlich auch zu Kämpfen kommen kann. Aus der anfangs deutlich ernst gemeinten Flucht des Weibchens wird mehr und mehr ein symbolisches Davonlaufen. Das Weibchen drückt dabei durch Hochheben des Schwanzes seine Paarungsbereitschaft aus und gibt in kleineren Mengen Harn ab. Nach stunden - bis tagelangem Werben kommt es schließlich zur Paarung.

Für kurze Zeit beziehen die beiden ein gemeinsames Nest, wobei allerdings nach der Geburt der Jungen das Männchen wieder verjagt wird. Die Tragzeit kann variieren und liegt zwischen 28 und 40 Tagen.

 

Die Jungen sind Nesthocker und bei ihrer Geburt nackt, blind und taub. Im Alter von ca. 4 Wochen öffnen sich die Augen und Ohren und der Körper ist vollständig behaart. Mit ca. 6 Wochen verlassen sie das erste Mal für kurze Erkundungstouren das Nest. Die Jungen werden etwa 6 - 9 Wochen lang gesäugt und sind mit einem Alter von etwa 12 Wochen selbständig genug, um ihre Mutter zu verlassen.

Dennoch kommt es nicht selten vor, dass Mutter und Jung- tiere noch für einige Zeit im Familienverband leben und das Nest gemeinsam nutzen, bis sie sich schließlich trennen bzw. abwandern.

 

Über die Wintermonate legen die Tiere eine sogenannte Winterruhe ein, die sich dahingehend vom Winterschlaf unterscheidet, als das hier die Körperfunktionen nicht ganz so drastisch heruntergefahren werden. Vielmehr nehmen die Schlaf- und Ruhephasen zu und das Herz schlägt etwas langsamer als im Sommer.

 

Innerhalb eines Jahres durchläuft das Eichhörnchen zwei Haarwechsel - eine Frühlings- und eine Herbsthaarung.

Der Frühlingshaarwechsel beginnt am Kopf und breitet sich über Nacken, Rücken und Hinterschenkel zum Schwanz hin aus. Der Haarwechsel beginnt zuerst bei den männlichen Tieren und zieht sich bei diesen bis zum Hochsommer hin. Die Weibchen haaren schneller und ihr Haarwechsel ist bis zur Geburt der Jungtiere abgeschlossen.

 

Schwanzhaare und Ohrpinsel wechseln hingegen nur einmal im Jahr und sehr langsam. So fallen mit Ende des Winters die Haupt- und Grannenhaare des Schwanzes teilweise, die Unterwolle ganz aus. Der Schwanz wirkt in dieser Zeit aus- gesprochen schütter. Im Hochsommer setzt dann der eigent- liche Wechsel der Schwanzhaare ein. Auch die Ohrpinsel wachsen in dieser Zeit langsam heran und erreichen ihre vollständige Länge im Winter.

 

Bei der Herbsthaarung bleiben die Schwanzhaare und Ohr- pinsel stehen. Auch hier haaren sich zuerst die Männchen und jungen Weibchen, verhältnismäßig spät die fortpflan-zungsfähigen Weibchen.

 

Eichhörnchen verfügen über eine Reihe von Signalen, die der Kommunikation dienen. So stellt auch der buschige Schwanz ein wichtiges Ausdrucksmittel dar. Ist das Eichhörnchen entspannt, hat es den Schwanz locker hinter dem Rücken aufgestellt. Ist es hingegen angriffsbereit, wird er auf den Rücken gelegt und weit nach vorn zwischen die Ohren geschoben. Bei Aufregung wird der Schwanz erregt hin und her geschlagen, meist verbunden mit deutlichen Lautäußerungen und Trampeln auf dem Untergrund.

Häufig kann man ein schnalzendes „Tschjuk-Tschjuk“ verneh- men, wenn man ein Eichhörnchen in einem Baum bemerkt. Diese Lautgebung ist als Ausdruck der Aufregung zu deuten. Gerät ein Eichhörnchen in Angst oder Panik, hört man ent- weder ein nasales „Nhhh“ oder einen schrillen, pfeifenden Ton.

 

Begegnen sich hingegen einander bekannte Tiere, begrü- ßen sie sich mit einem leisen „Wuck-Wuck“. Dies ist auch die Art, wie die Jungtiere untereinander und mit ihrer Mutter kommunizieren.

 

Der Hauptfeind der Eichhörnchen ist der Baummarder, der fast genauso geschickt klettern kann wie das Eichhörnchen. Durch das deutlich niedrigere Gewicht ist das Eichhörnchen allerdings klar im Vorteil und kann, von einem Baummarder gejagt, bis in die Krone eines Baumes fliehen und sich von dort auf den Boden fallen lassen  - den Schwanz als „Bremsfallschirm“ nutzend. Da der Marder den Weg am Stamm zurücklegen muss, ist dies meist der entscheidende Vorteil für das Eichhörnchen. Dennoch bleibt der Marder ihr Hauptfeind, denn als nacht-aktives Tier überrascht er seine tagaktive Beute häufig im Schlaf.

 

Weitere Feinde sind Haus- und Wildkatzen, Wiesel, Luchs, Krähen, Habicht und andere Greifvögel. Den Vögeln entkommen juvenile und adulte Eichhörnchen oft erfolgreich, indem sie in kreisenden Bewegungen am Baumstamm auf- und ablaufen. Nestjunge Hörnchen sind ihren Feinden allerdings meist schutzlos ausgeliefert. Nur ein Fünftel bis ein Viertel der Jungtiere wird älter als ein Jahr!

 

Das Leben in der Nähe des Menschen birgt weitere Gefahr- en. Durch den zunehmenden Autoverkehr werden Straßen oftmals zu einem unüberwindbaren Hindernis bei der Futtersuche oder auf der Flucht. Auch die Verarmung der Wälder aufgrund intensiver Forstwirtschaft schränken den natürlichen Lebensraum des Europäischen Eichhörnchens immer mehr ein.

 

Überstehen sie all diese Gefahren, können sie in der freien Natur 6 bis 12 Jahre alt werden.

 

© Sabine Bergner-Rust / Bianca Ludwig