Wiederansiedlungsprojekt Sörup/Schleswig-Holstein

Herausforderung / Aufgabe

 

Eine neue Aufgabe kam auf uns zu, als eine Familie aus Sörup mit uns Kontakt aufnahm und anfragte, ob wir als Verein Eichhörnchen in einem bestehenden Wald wieder ansiedeln könnten.

 

Vorgeschichte

 

Früher“, so wurde berichtet, gab es auch so weit im Norden Deutschlands Eichhörnchen. Nachdem viele Waldflächen in den letzten Jahrzehnten der Agrarnutzung weichen mussten, entsprach der Lebensraum nicht mehr den Anforderungen eines Eichhörnchenlebens. Über mehrere Generationen wurde hier kein rotbrauner Baumbewohner mehr gesichtet.

 

Die Idee

 

In den letzten 25 Jahren hat sich auf dem privaten Anwesen der Familie viel verändert.

 

Auf einer Fläche von mehr als zwei Hektar ist ein stattlicher Mischwald herangewachsen, der seinerzeit als „Schulwaldprojekt“ ins Leben gerufen wurde. Er bietet vielen verschiedenen Tieren Schutz und Lebensraum, u. a. Rehen, Kaninchen, Füchsen, Wildenten, Gänsen, Greifvögel und Singvögel - nur Eichhörnchen gibt es weit und breit keine.

 

Sie recherchierten und nahmen schließlich Mitte 2008 mit unserem damaligen Verein Kontakt auf.

 

Besichtigung, Prüfung, Beratung, Entscheidung

 

Nach mehreren Vorgesprächen kam es im Januar und Februar 2009 zur Besichtigung und Besprechung vor Ort. Wir, Sabine Bergner-Rust und eine damalige Kollegin machten uns auf den Weg nach Sörup. Mit Gummistiefeln, Kamera und Notizblock stapften wir durch den winterlichen Wald und waren sofort begeistert von der Idee hier einigen unserer Schützlinge ein zweites Leben zu ermöglichen.

 

Die Besichtigung vor Ort offenbarte einen breit gefächerten Mischwald, die Bäume waren alt genug, bereits fruchttragend und somit waren Futterquellen für Eichhörnchen auf jeden Fall gesichert.

 

Die Familie stellte uns Luftbildaufnahmen, Lageplan und die Projektbeschreibung des „Schulwaldes“ zur Verfügung.

 

Der Schulwald war seinerzeit eine Idee von dem Großvater der Familie und so organisierten Eltern, Schüler und Lehrer der drei ortsansässigen Schulen vor 25 Jahren nicht nur eine gemeinsame Pflanzaktion,  sondern legten auch einen Bachlauf mit Teich und Teichinsel an. Es wurden über 6000 Bäume und ca. 400 Sträucher, wie Hasel, Sanddorn, Pfaffenhütchen, Felsenbirne und vieles mehr gepflanzt. Des Weiteren bauten sie eine kleine Schutzhütte und stellten Baumtafeln mit dem zugehörigen Namen der jeweiligen Bäume auf. 15 Jahre lang wurde dieser Schulwald für Naturunterricht genutzt. Heute kommen nur noch vereinzelt Kindergartengruppen.

 

Der zukünftige Eichhörnchen-Lebensraum erstreckt sich nicht nur auf die zwei Hektar Privatwald, sondern auch auf die angrenzenden Knicks. Alteingewachsene Gärten sowie große Einzelbäume ermöglichen eine Wanderung der Tiere bis in die Gemeinde Sörup in luftiger Höhe.

 

Das bedeutet Freiheit für die Hörnchen!

 

Ein 50 qm großes Auswilderungsgehege, mit einer Höhe von 5m, mit festem Schlafhaus und Schleuse in der Nähe des Wohnhauses, direkt am Waldrand, war bereits fertig gestellt.

 

Die von uns vorgegebenen Voraussetzungen für den Erfolg einer Wiederansiedelung waren alle gegeben, so dass wir nach einer abschließenden Beratung zu der Entscheidung kamen, gemeinsam mit der Familie ein Konzept zu erstellen um dieses Projekt zu starten.

 

Im Überblick:

 

- ein ausreichend großer Lebensraum mit alten fruchttragenden Bäumen

 

- ein zusammenhängendes Mischwaldgebiet mit dichteren   Bereichen

 

- eine Wasserstelle

 

- eine nicht übermäßige Population an Fressfeinden

 

- ein Auswilderungsgehege

 

und nicht zuletzt das Engagement der Menschen dahinter (Versorgung der Jungtiere im Auswilderunsgehege, Nachfüttern über mindestens eine Saison, für mehrere Monate lang beobachten und protokollieren, Aufklärungsarbeit im regionalen Bereich leisten z.B. Tierärzte, Förster, Nachbarn, Naturschutzbehörde, Veterinäramtsgenehmigung usw.

 

Umsetzung und Betreuung

 

Anfang Mai setzten wir 7 junge Eichhörnchen aus sechs verschiedenen Würfen in das Auswilderungsgehege in Sörup. Diese Jungtiere wurden alle als Findelkinder im Alter von 2 bis 7 Wochen in den Monaten März und April in die Auffangstationen Hamburg bzw. Kiel gebracht. Von Hand aufgezogen, waren sie in der Zwischenzeit futterfest, gesund und neugierig auf das Leben draußen. Zeit für den Umzug in ein Außengehege.

 

Eine Woche später erreichte uns ein weiterer Notruf eines Herrn aus Hessen mit einem adulten Hörnchen, welches vor 4 Jahren aufgezogen wurde und in einem Gartengehege lebte. Es war ihm nicht bekannt, dass auch diese Tiere, unter bestimmten Vorraussetzungen, eine Chance auf Freiheit haben.

 

Dieses erwachsene männliche, sichtlich potente, Tier fügte sich erstaunlicherweise sehr gut in die jugendliche Gruppe im Gehege ein. Sein Gehege vorher war zu klein um einen guten Muskelaufbau zu gewährleisten, das musste in den folgenden Wochen geübt werden.

 

5 Wochen später:

 

Früh morgens wurde die Auswilderungsklappe im Gehege geöffnet.

 

Die ersten Hörnchen entdeckten bereits nach 15 Minuten das „Tor zur Freiheit“, andere nahmen sich etwas mehr Zeit. Die Neugierde siegte und alle Tiere waren den ganzen Tag über im Wald unterwegs. Zur Verwunderung der Familie fanden sich bei Einbruch der Dämmerung wieder alle acht Hörnchen im Gehege ein um in „ihrem“ gewohnten Kobel zu übernachten.

 

In den folgenden Tagen wiederholte sich dieses Schauspiel, die Eichhörnchen nutzen das Außengehege frei nach dem Motto „Bed and Breakfast“.

 

In den Tagen vor der Freilassung wurden kleine selbstgebaute Schlafhäuser an verschiedenen Bäumen angebracht, sie wurden von den Tieren, wenn auch nur übergangsweise, dankend angenommen. Es folgte ein kontinuierlicher Auszug aus dem vertrauten Gehege in die Freiheit.

 

Bis hierher war alles recht einfach, gut zu beobachten und gut zu zählen, bis acht keine Kunst!

 

Aber das sollte sich ändern! Die Tiere wurden scheu, ihre Urinstinkte, die überlebenswichtigen Fluchtreflexe oder das reglose Verharren in einer Position um nicht erkannt zu werden, setzten ein.

 

Nur ein einzelnes Hörnchen vertraute noch für einen längeren Zeitraum einem einzelnen Familienmitglied und nahm Futter aus der Hand.

 

Tiere zu zählen die zu unterschiedlichen Zeiten gesichtet werden, nicht nah genug sind, um kleine Farbunterschiede zu erkennen war ein hoffnungsloses Unterfangen - das Zählen mussten wir also aufgeben.

 

Von Zeit zu Zeit wurde das kräftige erwachsene männliche Hörnchen am anderen Ende des Waldes gesichtet, er hatte sich wohl dort eingerichtet.

 

Projektleitung und Familie standen in engem Kontakt. Wir bekamen wöchentlich Rückmeldung zu aktuellen Hörnchenaktivitäten, wann und wo Hörnchen gesichtet wurden, Fotos wurden per Mail gesendet etc. Es gab nur positive Meldungen, kein Eichhörnchen wurde tot aufgefunden.

 

Diese positiven Rückmeldungen bestärkten uns, das Projekt weiter auszubauen.

 

In Hamburg und Kiel gab es in diesem Jahr (2009) ungewöhnlich viele Findelkinder, die Stationen waren am Rande ihrer Belastungsgrenze und die geeigneten Plätze zur Auswilderung sind auch nicht so üppig gesät. So brachten wir erneut 6 Jungtiere und ein adultes, dieses Mal ein weibliches Tier in den hohen Norden.

 

Die zweijährige „Fritzi“ wurde liebevoll von Hand aufgezogen, ihre Finderin suchte Hilfestellung, wurde jedoch nicht ausreichend beraten, und so lebte „Fritzi“ in enger Freundschaft mit einem Pferd in einem Pferdestall. Der Freund verstarb und Fritzi war allein. Es kam zum Kontakt mit dem Eichhörnchen-Verein und auf der Suche nach einer passenden Lösung für ein Hörnchen, das keine Artgenossen kannte, entschieden wir uns auch für Sörup.

 

Fritzi musste nun besagte Jugendtruppe kennen lernen, was ihr anfangs sehr suspekt war. Doch alle Tiere arrangierten sich prima, es gab keinerlei Aggressivität, Angst oder sonstiges auffälliges Verhalten.

 

Die Auswilderung verläuft dieses Mal völlig anders, als beim ersten Mal.

 

Der Wald ist üppiger und dichter geworden, Versteckmöglichkeiten par excellence.

 

Mittlerweile bietet die Natur/der Wald die ersten Baumfrüchte, kein Grund für die gerade ausgewilderte Truppe unbedingt zum Fressen ans Gehege kommen zu müssen.

 

Die Eichhörnchen sind neugieriger, unternehmungslustiger, kurzum: auf und davon.

 

Erst einige Tage später werden sie gesehen, und das auch nur von weitem. Jedoch waren sie gut zu unterscheiden von den größeren Tieren aus den vorigen Monaten.

 

Fritzi ist eindeutig zu erkennen, nicht nur weil sie ein sehr hübsches Hörnchen ist, sie hat auch eine besondere Fellfärbung mit einem fast schwarzen, auffällig buschigen Schwanz.

 

Sie schaut ab und an im örtlichen Kindergarten und in der Grundschule vorbei.

 

Weiterhin geht es allen Hörnchen gut, die Schlafhäuser an den Bäumen werden regelmäßig kontrolliert, glücklicherweise kein einsam verstorbenes Hörnchen.

 

In unterschiedlichen Abständen, zu unterschiedlichen Zeiten werden unterschiedlich viele Eichhörnchen an verschiedenen Plätzen in Sörup gesehen. Versteckt und vorsichtig, wie es sich für ein richtiges Eichhörnchen gehört. Sie gehören vorerst wieder zum Naturbild in Sörup.

 

 

 

Für den bevorstehenden Winter drücken wir „unseren“ Hörnchen die Daumen, dass sie gelernt haben sich einen ausreichend warmen, sicheren Kobel zu bauen, dass sie aufmerksam ihren Feinden gegenüber sind und dass der Mensch rücksichtsvoll mit Umweltgiften, Zivilisationsmüll und dem Auto umgeht. Und dass jeder Baum, wenn er denn unbedingt gefällt werden muss, wirklich gründlich und eingehend auf einen Eichhörnchen-Kobel abgesucht wird, damit wir, nicht im kommenden Jahr die Jungtiere unserer Findelkinder aufnehmen müssen.

 

 

Freiheit für unsere Hörnchen!!

 

Herzlichen Dank allen Beteiligten.

 

Projektleitung: Sabine Bergner-Rust

 

© Oktober 2009